Am 3. Juli 2026 war der Grosse Orient der Schweiz in Bern gemeinsam mit der Frauen-Grossloge der Schweiz Ehrengast des Galadinners zum 18. Jahreskongress der AMMLA (Association of Masonic Museums, Libraries and Archives). Als Grossmeister eingeladen, das Wort zu ergreifen, wollte ich jenen meine Anerkennung aussprechen, die unser Gedächtnis bewahren, und zeigen, warum dieses Gedächtnis heute mehr denn je eine Frage der Zukunft ist.
Am Tisch sassen Präsidenten von Obödienzen, Direktoren und Kuratoren von Museen aus zahlreichen Ländern, Brüder, Schwestern und Freunde. Ein Abend der Brüderlichkeit, aber auch der Anlass, eine einfache Frage zu stellen: Wozu dient das freimaurerische Gedächtnis in einer Welt, die alles innerhalb weniger Sekunden vergisst?
Die Hüter des Gedächtnisses
Zunächst wollte ich eine Aufgabe würdigen, die diskret, oft verkannt, manchmal unterschätzt und doch unverzichtbar ist. Freimaurerische Museen retten Archive, restaurieren Objekte, bewahren Rituale und erzählen Geschichten. Vor allem aber bewahren sie eine Idee.
Hinter jedem Schurz, jedem Hammer, jeder Arbeitstafel steht eine Philosophie. Und eine Zivilisation, die das Gedächtnis ihrer Ideen verliert, verliert am Ende ihre Freiheit.
Deshalb sprechen diese Museen nicht nur von der Vergangenheit. Sie erinnern daran, dass die Freimaurerei nie geschaffen wurde, um Gegenstände zu sammeln, sondern um Frauen und Männer zu verwandeln und durch sie die Gesellschaft. Ihre Kuratorinnen und Kuratoren sind nicht blosse Hüter des Kulturerbes: Sie sind die Überbringer einer lebendigen Tradition.
Eine Welt am Wendepunkt
Unsere Generation erlebt mehrere historische Umbrüche zugleich: einen geopolitischen, einen technologischen, einen zivilisatorischen. Selten sind so viele Bruchlinien gleichzeitig aufgetreten.
Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt. Die internationalen Gleichgewichte verschieben sich, die Demokratien werden infrage gestellt, der Populismus gewinnt an Boden und Hassreden werden zunehmend salonfähig. Soziale Netzwerke ersetzen allzu oft die durchdachte Debatte; die Emotion siegt über die Vernunft, der Lärm über das Nachdenken. Während die einen Mauern bauen, errichten andere Imperien neu oder erschaffen alternative Wirklichkeiten.
Die Welt wird schneller. Wird sie auch weiser? Nichts ist weniger gewiss.
Künstliche Intelligenz, eine anthropologische Revolution
Oft wird KI als technologische Revolution beschrieben. Ich glaube, wir unterschätzen sie: Sie ist vor allem eine anthropologische Revolution. Zum ersten Mal erschafft die Menschheit nicht mehr nur Werkzeuge, sondern eine Intelligenz, die fähig ist, Wissen hervorzubringen. Sie schreibt, komponiert, diagnostiziert, überzeugt. Morgen wird sie vielleicht entscheiden.
Die Frage ist also nicht mehr, ob KI unsere Gesellschaften verändern wird: Sie hat es bereits getan. Die eigentliche Frage ist beunruhigender. Wer wird weiterhin das menschliche Urteilsvermögen bilden? Wer wird den Wert des Zweifels lehren? Wer wird helfen, das Wahre vom Plausiblen zu unterscheiden? Wer wird daran erinnern, dass Intelligenz nicht Weisheit ist und dass ein Algorithmus rechnen kann, ohne Gewissen, Mitgefühl oder moralische Verantwortung zu besitzen?
Dies ist, davon bin ich überzeugt, eine der grossen freimaurerischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Denn die Freimaurerei besitzt genau das, was unserer Zeit am meisten fehlt: Zeit, Methode, Dialog, Zuhören, Zweifel, die brüderliche Auseinandersetzung der Ideen. Wir fabrizieren keine Gewissheiten, wir lernen, mit Fragen zu leben. Wir liefern keine automatischen Antworten, wir formen Gewissen.
Das wird keine Maschine je ersetzen. Ein Eingeweihter lässt sich nicht generieren: Er entsteht aus einem inneren Weg.
Eine Freiheit, die es zu verteidigen gilt
Seit mehr als drei Jahrhunderten verfolgt unser Orden dasselbe Ziel: die Menschheit zu vervollkommnen. Nicht durch Zwang, nicht durch Dogma, sondern durch Freiheit. Diese Freiheit ist heute bedroht, nicht nur durch autoritäre Regime, sondern auch durch die Gleichschaltung des Denkens, durch Informationsblasen, durch den Niedergang der Debatte und durch die wachsende Angst, anders zu denken.
In diesem Zusammenhang trägt die liberale und adogmatische Freimaurerei eine besondere Verantwortung. Sie bekräftigt, dass keine geoffenbarte Wahrheit die Suche nach Erkenntnis ersetzen kann. Sie stellt die absolute Gewissensfreiheit ins Zentrum ihrer Aufgabe, lehnt jeden Fanatismus ab und sieht in der Vielfalt der Überzeugungen eine Bereicherung.
Der Grosse Orient der Schweiz ist stolz, dieser Tradition anzugehören: einer Tradition, die niemanden fragt, was er glaubt, bevor sie ihn fragt, was er bereit ist, gemeinsam mit anderen aufzubauen.
Ich bin überzeugt, dass die kommenden Jahrzehnte mehr Freimaurerei erfordern werden. Nicht unbedingt mehr Logen, aber mehr freimaurerischen Geist: mehr Humanismus, mehr Vernunft, mehr Brüderlichkeit. Wir müssen wieder zu Akteuren der grossen Debatten unserer Zeit werden, auf die jungen Generationen zugehen und uns an den ethischen Diskussionen über künstliche Intelligenz, Neurowissenschaften, Bioethik, Klima, Migration, Demokratie und den Stellenwert der Wahrheit in unseren digitalen Gesellschaften beteiligen.
Allzu lange haben wir es anderen überlassen, die Zukunft ohne uns zu gestalten. Es ist Zeit, wieder das Wort zu ergreifen. Nicht um aufzuzwingen, sondern um zu erhellen. Nicht um zu überzeugen, sondern um zum Nachdenken anzuregen.
Museen, die die Zukunft inspirieren
Welche Rolle können unsere Museen bei diesem Vorhaben spielen? Eine entscheidende. Sie dürfen nicht mehr nur Orte sein, an denen man die Vergangenheit betrachtet, sondern müssen zu Zentren des Dialogs, zu Orten der Weitergabe, zu Laboratorien der Ideen werden. Offene Häuser, in denen die Öffentlichkeit entdeckt, was die Freimaurerei tatsächlich zur Geschichte der Freiheit, der Demokratie, der Laizität, der Bildung, der Menschenwürde und der Menschenrechte beigetragen hat.
Unser Erbe hat nur dann Wert, wenn es die Zukunft inspiriert. Ohne Weitergabe wird das Gedächtnis zur Nostalgie. Mit der Weitergabe wird es zur Hoffnung.
Wir haben etwas Aussergewöhnliches empfangen. Wir haben nicht das Recht, es lediglich hinter Glas zu bewahren: Wir haben die Pflicht, es lebendig zu halten. Die beste Art, die Baumeister zu ehren, die uns vorausgegangen sind, besteht nicht darin, die Steine zu bewundern, die sie hinterlassen haben, sondern weiterzubauen. Wir sind Erben einer Tradition, vor allem aber die Gründer der Welt, die unsere Kinder erben werden.
Ich habe deshalb zur Kühnheit aufgerufen: zur Kühnheit, zu denken, zuzuhören, die Gewissensfreiheit zu verteidigen, Brücken zu bauen in einer Welt, die immer mehr versucht ist, Mauern zu errichten, zur Kühnheit, aufrecht zu stehen.
«Die Zukunft ist eine Tür, die Vergangenheit ist ihr Schlüssel.» — Victor Hugo
Dank den Hütern unseres kollektiven Gedächtnisses wird dieser Schlüssel nie verloren gehen. An uns liegt es, den Mut zu finden, die Tür zu öffnen.
Der Abend endete mit einem Toast: auf die Vereinigung der freimaurerischen Museen, auf alle, die unser gemeinsames Gedächtnis bewahren, auf die universelle Freimaurerei, auf die absolute Gewissensfreiheit, auf die Brüderlichkeit unter den Völkern. Und vor allem: auf die Hoffnung.
Pierre Jéronimo, Grossmeister des Grossen Orients der Schweiz




